Wien d. 13 Nov. 1818.
Beste, liebste Schwester,
wie soll ich Dich
ur; Verzeihung bitten, dass ich Dir Deine lieben Briefchen nicht schon längst beantwortet habei Entschuldigen kann ich mich nun einmahl weiter nicht, eis dass ich dem Vater doch wenigstens geschrieben hebe und Ihr beyde Ja doch gewisser- messen nur eine Person ausmacht. Ich kann mir denken, dass es Euch Jetzt recht einsam Vorkommen mag, worüber mir der gute Vater auch in seinem letzten Briefe klagt. Wenn er nur Jemand hatte mit dem er sich über wissenschaftliche Sachen frej ; und freundschaftlich unterhalten konnte; ich hoffte Gladnl würde vielleicht bey Euch bleiben*und der wäre doch noch für ihn. Du wirst nun wohl den ganzen Tag um ihn seyn, und Dein unartiger, krittlicher Bruder wenigstens vertreibt Dich nicht mehr.-
Mir fehlt es hier nicht an Bekannten, denn Jetzt sind allein vier Frankfurter hier, doch gehe ich eigentlich nur mit dem ^einen um, mit dem ich schon auf dem Gymnasium war. Fohlen, Hussen, Ungarn, Griechen, Engländer kurz eine Menge Bekannte aus den verschiedensten Nationen habe ich, die alle mit mir das Hospital besuchen, doch sonst sehe ich sie nicht oft, da man sich in der grossen Stadt so leicht zerstreut und nicht wie in Göttingen in ein Nest zusemmen- gepackt ist. In Gesellschaften komme ich gar selten, Du kennst Ja meine Antipathie dagegen. An Unterhaltungen fehlt es indessen nicht man könnte hier täglich was neues sehen Als ich zuerst ankern gieng ich auf gut Glück kreuz u. qVuer durch die Stadt, so dass ich mich nun überall finden kann, obgleich ich die Nahmen der Strassen nicht weiss; die Stadt selbst ist sc gar viel grosser nicht, als Frankfurt u. eben so enge u. Altmodisch im ganzen gebeut: nur trifft man frey- lich mitunter auch grosse Pelläste; die Stephanskirche kennst Du aus dem Bildchen; sie ist der Mittelpunkt der Stadt: auf den Hauptstrassen sieht man nun Laden bey Laden und einer ist immer schöner eufgeputzt als der andre; Im Aushängen der Waaren heben die Wiener viel Geschmeck; die Fenster sind mit Schawls u. Tüchern bunt decorirt, die bald ‘als Turbane oder Sterne zusemmengelegt sind, bald wie Vorhänge dehängen oder zwanzigfach auieinanderliegen; auf die künstlichste Art liegen die Westenzeuge, so dass an einem Fenster oft über 50 Stück eins mit den Ecken über das andre hervorragt, wie Dachziegeln. Die Modehänülerinnen u. Schneider- haben ganze V/achspupren in Lebensgrösse unter Rahm und Glas vor dem Laden die alle Monathe anders angezogen werden u. von lebendigen Modepup;en den ganzen Tag über begafft werden; die Goldschmiede, Geschmeidemacher stechen die übrigen an Fracht alle aus; die Kuifer-stich u. Kunsthändler ziehen mich besonders an und selbst die Wachskerzenhändler de- ccr-iren ihre Buden dass sie w r ie mit bunten Kerzen gross und klein tapezirt erscheinen, alles dies ist Abends mit Lampen erleuchtet.- Dabey ist nun ein beständiges drangen u. treiben auf den Strassen, erstens die Ost reicher Trachten, die Vornehmen, die Livrebedienten, Ungarn alle mit Schnurbärten d. Husaren, Hessen, Griechen, türkische Juden, deren Weiber unter- andern Pelzc&misole tragen u. Ketten von 50 und mehr- alten Ducaten um den Hals haben, Türken, mit rothen Mänteln u. Turbanen, eine Menge Polnische u. Gallizische Juden schwarz mit langem Haar u. wirklich oft schonen Bärten, Sle- wacken in weisse Leinwand gekleidet Pellaehen u. eine Menge andere. Dabe^ die unzählige Menge Equipagen; auf Jedem Pl&t-