Göttingen d. 12 April 1813.
Liebste Schwester
Wie sehr ich Dich, alle meine
Freunde und Bekannten in Frankfurt und meine zw'ey Italienischen Wanderer, die vielleicht schon bey Euch sind, wieder Zusehen wünsche; versteht sich von selbst. So wie Du, habe auch ich mich langst darauf gefreut alles, was mir lieb ist (denn der Vater wollte Ja auch kommen) dieses Frühjahr in Frankfurt zusammen zu sehen; Ja ich hatte Dir versprochen zu kommen, und Du wirst mir glauben, dass ich mich wegen mancherley eingetretener Umstände nur sehr ungern entschloss die angenehme Reise zu Euch für Jetzt aufzugeben. Der Vater selbst hat mir gerathen, nicht von hier wegzugehen, sondern lieber bis zum Herbst zu warten, wo hoffentlich mich nichts mehr daran hindern wird. Vielleicht hat er Dir selbst schon, davon geschrieben, wo nicht, so kann Dir der Onkel am besten sagen, was mich abhält. Erstens die Ccnscription in Frt. unter der ich bin, wie Du weisst, und die nun sehr streng ist; zweytens muss ich fürchten vielleicht, wegen der Armeen, nicht mehr nach Göttingen zurückzukönnen, denn diesen Sommer bleibe ich bestimmt noch hier; drittens fürc/i~ te ich fest, dem guten Onkel in diesen Xsüek unruhigen Zeiten zur Last zu seyn und ich wünschte selbst, Euch alle lie- ber heiter und ruhig geniessen zu können; viertens kann der Vater Jetzt schwerlich abkommen, was den Herbst vielleicht eher der Fall seyn wird, wo auch ohnedem die Jahreszeit schöner ist. In den Ferien bin ich indessen hier gar nicht unbeschäftigt, sondern kann ganz meine Zeit zu meinen Privatarbeiten anwenden. Du bist so vernünftig selbst, einzusehen, dass es weit besser ist, wenn ich, wie auch d. Vate^ meint, die Reise noch sufschiebe. Je älter wir werden Je z mehr müssen wir lernen Aufopferungen machen u. dem was uns lieber, ist für das wes besser ist entsagen.
Indessen soll wenigstens der Versprochene Abguss vom Porträt des Vaters nicht ausbleiben; Du hättest ihn schon, wenn mir die Schwefelform nicht alle dreymahl, wenn sie erkaltete durch das Zusammenziehen des sich kristalli- sirenden Schwefels gesprungen wäre und eine Gypsform mochte ich nicht machen de ich hier kaum soviel Gyrs bekommen konrv te um 2 Abgüsse zu machen.
Vom Vater hebe ich neulich zwey Briefe hintereinander bekommen. Was mich am meisten freut ist dass er so wohl und gesund ist, dass er sich selbst wundert, während des ganzen kalten Winters nicht einmahl einen Schnupfen bekommen zu habend Er scheint immer ausserordentlich thätig.
Blumenbach, wie Du weisst ein alter Freund vom Vater, wird mir nun immer lieber Je mehr ich ihn kennen lerne, es ist ein gar guter, dienstfertiger und munterer Kann, an den ich.mich hier auch am meisten halte, besonders da mir die Naturgeschichte täglich lieber wird. Neulich hat er eine ganze tote Löwin geschenkt bekommen, an der ein paar Freunde von mir und ich ihm 3 Tage haben arbeiten helfen, welch’ ein Genuss das für mich war kennst Du Dir denken. Jetzt habe ich in Gläsern eine "enge Polypen (kleiner zarter äusse:st merkwürdiger Würmchen) im Fenster, um Versuch £ damit zu machen, wenn Du sie noch nicht aus der Naturgeschichte kennst lass Dir einmahl von H. ^-ngelmann von ihnen erzählen. Grüsse alles aufs Schönste von Deinem Bruder
WILHELM.
ooOjo