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Die Emigranten.

(Novelle von A. Levi.)

(Fortsetzung.)

13.

Frau Mailli und ihre Tochter führten seit Quiko's Abwesen­heit, während welcher schon zwei Jahre verflossen, in dessen Haus ein wahres Klofterleben; sie hatten keinen Verkehr mit der Aussenwelt und blieben sogar den Nachbarn fremd. Man sah die Frauen selten, und nur, wenn sie zur Kirche oder in das nahgelegene Wäldchen gehen wollten. Das kleine Gehölz war wichtig für sie geworden, denn die Generalin hatte seit jenem ersten Briefe noch mehrere, mit. ähnlichem Inhalte, auf dieselbe Weise erbalten, und der freudige Wahn, der Ge­neral lebe noch, machte Mutter und Tochter glücklich. Beide hingen nur Einem Gedanken nach, der das lebhafte Interesse ihrer Gespräche bei ihrer einsamen Beschäftigung war; der Vor­geschmack des Vergnügens bei'm einstigen Wiedersehen des Ge­nerals und Quito's. Da löste plötzlich ein mißlicher Zufall die Hoffnung auf den Erfteren auf, und störte das, ohnedies nicht beneidenswerthe Lebensglück der Damen grausam.

Die Generalin fand nämlich auf dem bekannten Plätzchen einen Brief ihres Gemahls, der durch seinen Inhalt, die baldige Ankunft desselben, alle Pulse der Leserin in eine heftigere Be­wegung brachte. Doch so sehr die frohe Nachricht das Blut der Generalin in Aufregung brachte, so sehr stockte es auf ein­mal wieder, als Frau Mailli das Datum las. Der Brief war nämlich schon viele Jahre vor der Schlacht bei Muret datirt. Diese Ueberzeugung lähmte alle Muskeln. Die Generalin sah ein, daß die bisher gehegte Hoffnung nur ein Traum war. Jetzt stellte sich die Gewißheit seines Todes ihr mit grellen Farben vor Augen. Aber diese Briefe? woher kommen sie? wer hat sie so lange in Verwahrung gehabt? Diese Fragen, dieses Nachdenken und Forschen verwirrte ihre Besinnungskraft, und es blieb der unglücklichen Frau nichts übrig, als die trau­rige Ueberzeugung ihres Leidens und die standhafte Ergebung in dasselbe.

Oft lichtete zwar ein leichter Zweifel die düstere Stimmung, und streifte sogar den Trauerschleier, der das holde Gesicht ver­dunkelte, hinweg, daß ein freudenreicher Sonnenstrahl in das gutmüthige Auge dringen konnte; aber es war nur von kurzer Dauer; schnell lagerten sich die schweren Trauerwolken wieder auf die Stirne und verdunkelten den meteorischen Lichtstreif. Im Herzen der Generalin stürmte es heftig; es schwankte hin und her, wie eine Waage, in deren beiden Schaalen Leben und Tod des Generals lagen; bald hatte das Leben und bald der Tod das Uebergewicht. Und wirklich schien der Letztere, der überall den Sieg davon trägt, auch hier sein Recht zu behaup­ten, denn Frau Mailli folgerte am Ende den Schlußsatz, ihr Gatte sey tobt. Dieses selbsterlangte Versichertseyn löschte den Funken des Frohsinns, den die frühere Hoffnung zu Zeiten an­fachte, vollends, und die Generalin betrachtete sich wirklich als Wittwe, und machte in der neuen Trauerzeit selten Ausgänge.

Ein herrlicher Frühsommerabend, prachtvoll, wie ihn der Mai nur geben kann, senkte sich allmählig auf. die majestätische Flur. Die Sonne winkte scheidend ihren letzten Gruß von den Bergen , und beleuchtete mit falbrothem gebrochenem Strahle noch einmal den Färbenschmelz des buntbeblümten Erdteppichs. Die Schwalben durchkreisten zwitschernd den Luftraum und

stiegen bald zur unsichtbar n Hohe, bald schnitten sie blitzschnell herunter und schwebten um die Füße der Luftwandler, den Boden beinah mit ihren Flügelspitzen berührend. Die ganze Natur glich einem feierlichen Tempel, über welchem sich in strahlender Glorie der Himmelsdom wölbte, und die Sänger des Feldes brachten, schöner als Orgelton, in tausend Melodieen ihr Abendlied dem Schöpfer dar. Dies herzerhebende Schau­spiel wurde besonders von drei Personen bewundert; zwei davon waren die Generalin und Philippine, die der schöne Abend ins Freie lockte, und die, von dem Zauber der göttlichen Allmacht hingerissen, in dem unwillkührlichen Entzücken eine Erheiterung fanden, die das schöne Wetter nur dem traurigen Gemüthe geben kann. Sie waren eben von einem Spaziergange zurück- gekehrt, und schlürften, vor ihrem Hause sitzend, den Wonnc- genuß der erquickenden Luft in vollen Zügen ein.

Der dritte Bewunderer war ein Reisender, der dem Fuhr- manne befahl, die Pferde im langsamen Schritte zu halten, um, bequem in seiner Wagenecke liegend, die schöne Gegend mit Muße betrachten zu können. Der Fuhrmann gehorchte, und der Fremde überließ sich mit scheinbarer Behaglichkeit den Empfindungen, die der Anblick der Naturreize in ihm auf­tauchen ließ, und die, der oft wechselnden ernsten und freund­lichen Miene nach, von verschiedenem Charakter seyn mußten.

Die schwerfällige Kutsche rappelte über das holperige Pfla­ster dahin, und verursachte dem Reisenden ein unsanftes Rüt­teln, das ihn aus seinen Träumereien aufweckte. Die Chaise hielt vor dem vornehmsten Wirthshause des Städtchens, und der Wirth, dem ein solcher Besuch selten war, eilte, sein Käppchen unter dem Arme, die steinerne Treppe herunter, öffnete den Schlag, und hob mit vielen Bücklingen einen korpulenten Mann in militärischer Uniform heraus. Der Gast, froh, aus dem alten Rumpelkasten befreit zu seyn, athmete frisch auf, und ließ sich eine Flasche ächten Bordeaux bringen. Dem Wirthe gefiel es recht gut , daß der Fremde so viel Wohlgefallen an der schö­nen Gegend fand, und in lauter Betrachtungen der merkwür­digen Sehenswürdigkeiten schon mehrere Tage flott bei ihm verbrachte. Kein Wunder, wenn der gesprächige Gasthalter ihm neue Schönheiten der Umgebung anpries, die der Herr Gene­ral, wie ihn der Wirth nannte, da er seinem Gaste keinen höheren Titel zu geben wußte, denn auch jedesmal des andern Tages besuchte.

Von einer solchen Tour zurückgekehrt, stand der Fremde eines Abends von dem köstlichen Abendessen auf und legte sich an's Fenster.'

Wem ist denn das schöne Haus da gegenüber? " fragte er.

Der Wirth, beschäftigt, den Tisch abzuräumen, ließ alles liegen, und erzählte:Das Haus hat früher einem reichen Freunde von mir gehört, der aber durch unglückliche Zufälle sich genöthigt sah, es zu veräußern; da kam zur selben Zeit ein Jude, aus Frankreich verbannt, hierher, um sich in unserm Orte niederzulassen, dieser kaufte das Haus."

So! und bewohnt es noch?"

Nicht doch, Sie verzeihen, Herr General! der Jude ist schon längst gestorben, und sein einziger Sohn ist fort, man weiß nicht wohin."

(Fortsetzung folgt.)

GallerLe ausgezeichneter Frankfurter.

i.

An dem Tage der großen, herzcrhcbenden Feier, welcher jed' Jahrhundert nrir einmal ersch.int, woll.n wir den Grund­stein zu einer Gallerie für berühmte und ausgezeichnete Frank­furter legen. Wir fordern Alle, die sich für solches Vorhaben interessiren, auf, uns dabei zu unterstützen, indem sie uns sowohl Materialien zur Bearbeitung, wie auch bereits vollendete Arbei­ten biographischen Inhaltes mittheilen mögen. Wir glauben diese Gallnie mit demjenigen unserer Landsleute eröffnen zu >ftn, dessen Ruhm alle Andern überragt und der in den An­nalen unserer Stadt mit goldenen Lettern verzeichnet ist, mit W o l f g a n g von Göthe. Da der Zweck unferer Biographieen ein populärer unb da die Lebensgeschichte Göthes vielfältig be­arbeitet und den Gebiloetcn genugsam bekannt ist, so möge hier eine flüchtige Skizze genügen. Göthe's Leben war ein glückliches; er ging auf sonnigen Pfaden und ward ein heiterer Weiser, ein klarer Gcgreifcr der Welt, ein fröhlicher Sänger, ein schalkhafter Satpriftr. Sollten wir nun dem Dichter zür- nen, daß er mehr lächelte als weinte, mehr genoß als schwärmte, mehr dachte als träumte und mehr besaß als hoffte? Sollen wir ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er sich wenig be­kümmerte um Welthandel und politische Meinungen? Er hat sich nicht in die Angelegenheiten der Liberalen gemischt und doch wird die Nachwelt liberal genug seyn, ihn über einen Börne nicht zu vergessen.

Joh. Wolfg. Göthe, einer der größten Dichter, wurde den 28. August 1749 zu Frankfurt a. M. geboren. Sein Va­ter, mit dem Titel eines kaiserlichen Rathes, war ein ernster, strenger Mann und machte sich die Erziehung seines Sohnes zur Lebensaufgabe. Obwohl er. den Knaben in möglichster Frei­heit sich bewegen und nach seiner Eigenthümlichkeit sich ent­wickeln ließ, so wußte er doch die nölhige Strenge ebenfalls walten zu lassen. Des Dichters Mutter, aus sehr geachteter Fa­milie stammend , war eine ausgezeichnete Frau. Von diesen El­tern und von einigen vorzüglichen Lehrern wurde Göthe bis zum Austritt aus dem väterlichen Hause gebildet, und diese Bildung konnte um so genügender äusfallen, als die Erfteren in glücklichen Vermögensoerhältnissen lebten. Der junge Dichter machte schon früh' auffallende Fortschritte und auch sein Ge­schmack für die Künste fand frühzeitig Anregung und Nahrung. Von dem bedeutenften Einflüsse auf Göthe's inneres Leben war seine erste Jugendliebe zu einem Mädchen, Gretchen, aus nied­rem Stande/ aber von den liebenswürdigsten Naturanlagen. Die Eltern wußten dies Liebesverbältniß bald aufzuheben; Göthe aber verfiel in eine schwere Krankheit, welcher. eine sang an­dauernde schwermüthige Stimmung folgte. Diese Erinnerung arrs seinem Leben hat er im Faust verewigt. Im Jahre 1763 begab er sich nach Leipzig, um sich dort zum Rechtsgelehrten aüszubilden. Die trockene Weise der dortigen Studien zog ihn wenig an und auch die Bestrebungen Gottsched's und Gellert's konnten seinem dichterischen Fluge nicht genügen. Lieber be­wegte er sich in der heiteren Gesellschaft von Jugendgenossen, verfiel aber in die Extreme des Lebensgenusses, welche für ihn von nachtheiligen Folgen waren. Seine erste Druckschrift, die anonym in Leivzig 1767 erschienen, war ein Spottgedicht auf ein moralisch-ästhetisch-weichliches DramaMedon" von Pro­

fessor Clodius. Der Unterricht des Malers Ofer und dasStu-^ dium Winkelmann's und Lessings waren damals von großem Einfluß, auf. des Dichters Bildung. Hier schrieb er auch m Folge der Liebelei mit einer schönen Wirthstochter seineLau- neu d.s Verträten" welches nebst denMitschuldigen" die ein­zigst vebcuttneen poetischen Wake sind, welche sich aus der leipziger Zeit noch erhalten haben. Am Schlüsse seines Aufent­halts in Leipzig verfiel er in eine lebensgefährliche Krankheit, der er jedoch glücklich entging und dann in's Vaterhaus zuruck- kehrte. (1768) Von dem wohlthätigsten Einflüsse wurde ihm der bald darauf folgende Aufenthalt in Strasburg und dessen reizenden Umgebungen. Ein Privatlehrer bereitete ihn hier so tüchtig vor, daß er 1771 die Würde eines Doktors der Rechts­wissenschaften erlangen konnte. Uebrigens beschäftigte sich Göthe mehr mit medicinischen, natur - und schönwissenschaftüchen Studien, als mit Jurisprudenz. Hier lernte er Herder kennen und machte mit den dramatischen Dichtungen Shakes­peares vertraute Bekanntschaft. Das bekannte Liebesverbältniß mit der Pfarrerstochter zu Sesenheim bildet eine schöne Episode aus jener in Strasburg so glücklichen und für seine dichterische Entwickelung so reichen Lebens daselbst. Nach Frankfurt zurück- gekehrt, vereinigte sich um Göthe ein Kreis von geistreichen Freunden, unter welchen sich Männer befanden, welche den jun­gen Dichter in das literarische Leben einzuführen im Stande waren, namentlich. Merk aus Darmftadt und die Gebrüder Schlosser, deren Einer Göthe's Schwester, Cornelia, zur Gattin wählte. Göthe gab sich in dieser Zeit ganz dem Leben in der Natur hin; er war säst stets auf kleinen Reisen in der Umge­gend begriffen, übte sich des Winters fleißig im Schlittschuh­laufen urd Sommers im Reiten. Nach dem Wunsche seines Vaters mußte er sich nach Wetzlar begeben, um sich in der juristischen Praxis zu üben. Das dortige Gesandtschaftspersonal war auf die feine Ausbildung seines Geistes und seiner Sitten nicht ohne Einfluß. In jener Zeit schloß er sich auch dem Frank­furter Gelehrten-Anzeiger bei, für welchen er mit oft leidenschaft­licher Aufregung kritische Beiträge lieferte. Im Jahre 1773 wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, legte er Hand an seinen Götz von Berlichingen, mit dessen Entwurf er sich schon seit Jahren beschäftigt hatte. Das Werk wurde vollendet und mußte, da sich kein Buchhändler dafür finden wollte, auf Kosten seiner Freunde herauszegeben werden. Das Stück machte, wie be­kannt, außerordentliches Aufsehen, welches sich aber nach Er­scheinung des Werther noch vergrößerte, zu welchem Seelenge­mälde er durch seinen Aufenthalt und seine persönlichen Berüh­rungen in Wetzlar den Stoff selber gesammelt hatte. Durch seinen Werther war Göthe zum berühmten Dichter geworden. Um diese Zeit machte er auch die Bekanntschaften Jacobis, Heinse's, Lavater's, Basedows, Klopstocks, und namentlich des Erbprinzen von Weimar, Karl August, der, bald nachher zur Regierung gelangt, Göthen 1773 an seinen Hof berief.

Daß Weimar bald darauf der Mittelpunkt des glänzenden literarischen Lebens und des höchsten Ruhmes jener Periode wurde, ist bekannt. Amalie, die geistige und edelgesinnte Fürstin, war die Seele jenes klassischen Lebens. Wieland, Musäus, Herder und zuletzt Schiller, vereinigten sich in Weimar. Göthe trat in die freundschaftlrchsten Verhältnisse mit dem jungen Herzog, wurde zur Theilnahme an der Regierung gezogen, entfaltete die ganze Kraft, Fülle und Anmuth seines 'großen Geistes, und wurde nrcht nur Weimars, sondern auch dus übrigen Deutschlands er-

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